Tag Archive for 'rassismus'

Gedicht zum Sonntag: Schwerer Webfehler

Hunderte Anschläge auf Asylunterkünfte in Deutschland zeigen wieder einmal deutlich, wie dünn die Schicht zwischen Zivilisation und Barbarei hierzulande ist. Anlässlich dessen sei an ein „Gedicht“ erinnert, das der Gesellschaftskritiker Wolfang Pohrt auf dem inzwischen legendären Kongress der Zeitschrift „Konkret“ im Jahre 1993 verlesen hat. Es ist nicht frei von Sexismus, aber in Ermangelung ähnlicher Klarheit bei der Beschreibung des Mobs und seiner Hintergründe bleibt uns nur dieses:


Pohrt will lieber dichten(1993)

Wenn 16-Jährige sich wie alte Stammtischbrüder vollaufen lassen, statt hinter den Mädchen her zu sein;
wenn sie im Suff dann nicht etwa die Kontrolle über die Motorik dergestalt verlieren, daß die Hand landet, wo sie nicht hingehört, wobei die Hand zur Faust geballt sein kann oder nicht;

wenn also der Alkohol ganz andere Wünsche offenbart als die, die Freundin etwas fester zu drücken oder dem Rivalen ein blaues Auge zu verpassen;
wenn die Enthemmung stattdessen zu planvollem Handeln führt; wenn die Enthemmten, statt auf den unmittelbaren Lustgewinn erpicht zu sein, weder Aufwand noch Mühe scheuen;
wenn sie sich dann, besoffen, wie sie sind, an die Arbeit machen; und wenn diese Arbeit darin besteht, mit List und Fleiß ein Mietshaus in ein Krematorium zu verwandeln

– dann stimmt mit diesen Deutschen etwas nicht.

Dann muss die Bevölkerung einen schweren Webfehler haben, unter der diese 16-Jährigen aufgewachsen sind. Nicht, dass diese Menschen von Natur aus Engel wären. Aber so wie diese 16-Jährigen sind sie von Natur aus auch wieder nicht. Um so, wie diese 16-Jährigen zu werden, bedarf es einer Abrichtung, Konditionierung, die zu leisten nur die Mehrheit die Macht besitzt.

Weiterführendes:
Zum gesamten Vortrag von 1993
Zur anschließenden Debatte 1993 mit Karl Held (youtube)

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Westend: United We Stand

Das Münchner Westend hat viele Vorzüge. Es ist das einzige Viertel Münchens, das nicht aus einem Dorfkern herausgewachsen ist, sondern während der Industrialisierung auf nahezu freiem Feld entstand. Es ist das einzige vom Fleck weg urbane Viertel Münchens. Dort war niemand eingeboren, aus ganz Bayern flüchteten hauptsächlich junge Menschen vor ihrer klebrigen Scholle in die neu errichteten Mietskasernen und in die Westender Lohnarbeit. Das war kein Zuckerschlecken, aber für viele erträglicher als die sich ihnen bietenden Alternativen.

Das Westend hat den dörflichen Schleim, der München in allen Ritzen noch heute innewohnt, nie gekannt. Schnell entstanden kämpferische Arbeitervereine, Wohnungsgenossenschaften und politische Organisationen der Arbeiterbewegung. Selbstredend spielte das Viertel in der kurzen Phase der Münchner Räterepublik – und der vorausgehenden Gründung des Freistaates Bayern – eine zentrale Rolle. Zur Zeit der Einwanderung in den 60er Jahren siedelten sich Neuankömmlinge, die mehrheitlich aus Griechenland kamen, vor allem im Westend an. Politiker warnten derzeit davor, dass im Westend ein „zweites Harlem“ entstünde. Dazu kam es nie, gleichwohl ein zweites Harlem München aufgewertet hätte.

Den Nazis war das „Rote Viertel“ seit jeher ein Dorn im Auge. In den frühen 30er Jahren führten sie gezielte Anschläge auf Kneipen im Westend durch, wie zum Beispiel in der Nacht vom 31.07.1932 auf die „Hohenburg“ (heute „Stoa“), die ein Treffpunkt kommunistischer Arbeiter war und zu deren Interieur ein Plakat mit der Aufschrift „Deutsche Facharbeiter – auf in die Sowjetunion“ gezählt haben soll. 1933 nahmen derlei Anschläge deutlich zu.

Noch heute ist das bunte Viertel den Neonazis verhasst, bei ihren Demonstrationen trafen sie damals wie heute auf den größten Widerstand. Und deshalb ist es kein Zufall, dass die NSU-Terrorzelle im Münchner Westend – das sich damals wie heute durch den höchsten Anteil an Zugewanderten auszeichnet – den Griechen Theodoros Boulgarides hingerichtet hat. Ebensowenig ist es zufällig, dass Neo-Nazis den NSU-Terror-Prozess in München flankieren, indem sie Einrichtungen hauptsächlich im Westend attakieren. Heute findet anlässlich der aktuellen Anschlagserie eine Demonstration am Georg-Freuendorfer Platz statt, die zumindest eine gelungene Geste sein könnte.

Empfehlen wollen wir darüber hinaus diese schöne Tasche, die die Bastelkapazitäten vom Westender HUIJ hergestellt haben. Die hat zwar weder etwas mit der Arbeiterbewegung zu schaffen, noch dürfte sie die Mehrheit der Westender Migrantinnen und Migranten interessieren – aber Charme hat sie trotzdem.


Hier zu erwerben: HUIJ

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Kurz vor dem NSU-Terror-Prozess

Heute gingen in München anlässlich der NSU-Mordserie mindestens 5.000 Menschen gegen alltäglichen Rassismus auf die Straße. Auch die Ultras des FC Bayern und das Münchner Gewerkschaftshaus zeigten sich solidarisch mit den Protesten.

Spruchband der „Schickeria München“ vor dem Spiel gegen Nürnberg, das der FC Bayern später mit 4:0 für sich entscheiden wird. Erst kürzlich hatten die Ultras des FC Bayern beim Spiel gegen Stuttgart an den jüdischen Trainer Richard Kohn erinnert.

Da ist das Ding: Die Route der Demonstration führte am Münchner Gewerkschaftshaus vorbei.

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Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen — München

Bleiberechtskampf historisch

mr. zores Dienstag, 3. Juli 2007 in HistorischBleiberechtKarawane

Aufruf zur Bleiberechtsdemo der Karawane aus dem Jahr 2000

Die Karawane München gibt es seit 1998, also seit fast zehn Jahren. Für ein Bleiberecht haben wir uns schon lange ausgesprochen. Bei Aufräumarbeiten habe ich jetzt diesen Aufruf ausgegraben — aus dem Jahr 2000. Interessant: das Wort ‘Legalisierung’ haben wir schon lange nicht mehr verwendet.

Remember Osamuyia Aikpitanhi

mr. zores Freitag, 29. Juni 2007 in Festung EuropaPolizeibrutalitätAbschiebung,Karawane

Osamuyia Aikpitanhi

Der 23jährige Nigerianer Osamuyia Aikpitanhi ist das jüngste Todesopfer, das brutale Abschiebungspraktiken in Europa gefordert haben. Sein Tod an Bord einer Linienmaschine der spanischen Fluggesellschaft Iberia am 9. Juni 2007 macht deutlich, dass die Polizeien der EU-Staaten nicht in der Lage sind, aus den Todesfällen der Vergangenheit die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Aikpitanhi starb gefesselt und geknebelt, wobei zum bloßen Verschluss des Mundes offenbar der Einsatz eines regelrechten Knebels im Innern des Mundes gehörte. Sein Widerstand gegen seine Abschiebung wurde, im wahrsten und tragischsten Sinne, erstickt.

Delegation beim Konsul

Im Rahmen eines global Aktionstages hat daher heute, am 29. Juni 2007, eine Delegation der Karawane im spanischen Generalkonsulat in München vorgesprochen und dem Konsul persönlich die Protestnote mit knapp 4.000 Unterschriftenüberreicht, so wie es andere Gruppen auf der ganzen Welt auch getan haben.

Dieser erneute tragische Todesfall ist für uns Anlass, nocheinmal das sofortige Ende aller Abschiebungen verbunden mit einer gerechten Bleiberechtsperspektive für alle zu fordern. Osamuyia war nicht das erste Opfer der europäischen Abschiebemaschinerie, und es ist leider auch nicht abzusehen, dass er das letzte Opfer gewesen sein könnte. Wir möchten in diesem Zusammenhang auch an Aamir AgeebMarcus OmofumaSemira Adamu und Kola Bankole erinnern, die auch bei ihrer Abschiebung zu Tode kamen, sowie an all jene Flüchtlinge, die auf dem Weg in die Festung Europa ihr Leben gelassen haben. Die Karawane München wird sich weiterhin gegen Abschiebungen einsetzen.

Rostock-Lichtenhagen

mr. zores Freitag, 15. Juni 2007 in Festung EuropaKarawaneTVDemonstrationG8

Anlässlich des Migrationsaktionstag am 4. Juni 2007 in Rostock hat die Karawane München eine Kundgebung in Rostock-Lichtenhagen organisiert, um den Opfern von Rassismus und staatlicher Abschiebepolitk zu gedenken. Im August 1992 kam es an drei Tagen zu schweren Pogromen gegen AusländerInnen, die Polizei schritt kaum ein. Die Politiker nutzen die Situation, um den Artikel 16 GG, das Grundrecht auf Asyl, grundlegend umzukrempeln.
Uns als Karawane war es daher wichtig, nocheinmal daran zu erinnern, wie eine Koalition aus Nazis, “normalen” Rassisten und deutschen Politikern damals agierten und Terror gegen Flüchtlinge und AusländerInnen strategisch benutzen, um eine latente ausländerfeindliche Stimmung in Deutschland weiter anzuheizen und den Weg zu einer Grundgesetzänderung vorzubereiten, die bis heute nachwirkt. Näheres kann in unserem Aufruf nachgelesen werden, der weiter unten kommt. Wir werden auch nocheinmal detaillierter auf den Ablauf der Kundgebung eingehen und weitere Texte publizieren, aber hier schon mal ein kurzer Videoclip von g8-tv.org.

Weitere Informationen:

Aufruf: Drei Tage im August . . . und viele Jahre mehr

August 1992, Rostock-Lichtenhagen: Neonazis greifen unter dem Beifall Tausender die Zentrale Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge (ZAst) sowie ein Wohnheim vietnamesischer ArbeiterInnen mit Steinen und Molotowcocktails an. Das Pogrom dauert mehrere Tage. Die Polizei gewährt den BewohnerInnen keinen Schutz. Kurz danach gibt die SPD ihren Widerstand gegen die Änderung des Artikels 16 des Grundgesetzes auf. In faktischer Zusammenarbeit zwischen Nazis, ganz „normalen“ RassistInnen und deutschem Staat wird das Grundrecht auf Asyl entsorgt, Abschiebung, Ausschluss und Entrechtung wird dauerhaft als Umgang mit MigrantInnen und Flüchtlingen festgeschrieben.

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Das Leben eines Flüchtlings in Deutschland

odysseus Mittwoch, 13. Juni 2007 in Karawane

Diese Vortrag war am 22. Mai vor Jugendliche in eine Kirchengemeinde in München gehalten.

Ich heiße Odysseus. Ich komme aus Nigeria. Ich bin Flüchtling in Deutschland seit dreieinhalb Jahren.

Ich will euch etwas über mein Leben in Deutschland erzählen. Ich lebe seit dreieinhalb Jahren in einem Flüchtlingslager in München. Da wohne ich in einem 13 Quadratmeter großen Zimmer, das ich mit 3 anderen männlichen Erwachsenen teilen muss. Dieses Zimmer befindet sich in einem Wohnblock von 11 weiteren Zimmern. Alle 12 Räume in diesem Block sind ebenfalls 13 Quadratmeter groß. Sechs von diesen Zimmern sind von Familien mit Kindern bewohnt. Alles in allem wohnen in diesem Block 42 Leute. Dann gibt es noch eine Gemeinschafts­toilette und ein Bad für die Frauen und eine Toilette mit Bad für die Männer. Und dann noch eine 13 Quadratmeter große Küche mit vier Doppel-Kochplatten und 2 Spülen für alle Leute im Block. In dem Lager, wo ich wohne, sind insgesamt 6 Wohnblocks, die genau so aussehen wie der, den ich beschrieben habe.

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Warum die Karawane nach Heiligendamm gezogen ist

Lumumba Sonntag, 10. Juni 2007 in G8Karawane

Rede von Ilsemarie von der Karawane auf einem Straßenfest in München am 2. Juni ‘07

Ich bin von der Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen und soll euch erzählen, warum Vertreter verschiedener Flüchtlingsorganisationen wie z.B. die Karawane bei der Demo gegen den G8 Gipfel an der Spitze des Westteils der Demo marschieren.

Bei den 8 Mächtigen des G8 Gipfels soll angeblich u.a. der Fokus auf die mangelnde ökonomische Entwicklung der afrikanischen Ländern gerichtet werden und darauf, wie man dieses Problem auch ökologisch in den Griff bekommt. Selbst wenn man die Entwicklungshilfe erhöhen und die Verschuldung der ärmsten Länder abbauen würde, was natürlich wichtig ist, wären damit noch lange nicht die eigentlichen Probleme gelöst, da sie am Kern der Situation vorbei gehen. Deshalb lautet auch das Motto der Flüchtlingsorganisationen

„Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört“.

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Abgeordnetenbriefe, Antwort Dr. Anton Hofreiter, Bündnis 90/Die Grünen

Lumumba Sonntag, 10. Juni 2007 in Bleiberecht

Die Bleiberechtsdebatte ist nach wie vor aktuell. Gerade erst hat die Europäische Kommission Vorschläge vorgelegt, nach denen Flüchtlinge nach fünf Jahren legalem Aufenthalt überall in der EU ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten sollen, wenn sie gewisse Bedingungen erfüllen. Die Karawane München ist schon eine Weile an diesem Thema dran und hat vor geraumer Zeit bei allen Bundestagsabgeordneten aus München angefragt, wie ihre Position zum Bleiberecht aussieht. Die Antworten (und Fragen jeweils darunter) veröffentlichen wir nach und nach hier auf der Website, die meisten sind parallel auch auf www.abgeordnetenwatch.dezu finden. So kann sich jeder ein Bild machen, wo die einzelnen Parlamentarier bezüglich des Aufenthaltsrechts grundsätzlich stehen – und bei Interesse selbst weiter nachfragen. Hier die Antwort von Dr. Anton Hofreiter, Bündnis 90/Die Grünen. Den ganzen Beitrag lesen »

Rostock, der lange Zaun und eine Pause

Lumumba Samstag, 9. Juni 2007 in CaravaLOG

Tja, lange nichts mehr erschienen im Karawane-Blog. Das liegt daran, dass wie alle irgendwie enorm mit dem Protest gegen den G8-Gipfel im Hohen Norden beschäftigt waren. Viele sind nach Rostock gefahren, andere (wie ich) zwar in München geblieben – aber das ist die Fraktion, die anderweitig beschäftigt war und trotzdem versucht hat, soviel wie möglich davon mitzubekommen, was zwischen dem gigantischen Zaun, der Sicherheitszone, den Camps und dem Rostocker Hafen passierte. Den ganzen Beitrag lesen »

Lesetipp: Was ist Frontex?

mr. zores Montag, 28. Mai 2007 in Festung Europa

Bei Telepolis ist ein aufschlussreicher Artikel erschienen: Frontex als Schrittmacher der EU-Innenpolitik. Dort gibt es auch weitere Artikel zu Frontex.

Ein abgeschobener Afghane berichtet.

mr. zores Samstag, 26. Mai 2007 in Abschiebung

Auf jetzt.de ist ein sehr spannender Bericht veröffentlicht worden. Überlebenskampf in Kabul: Ein aus Deutschland abgeschobener Afghane erlebt seine alte Heimat als kalte Fremde.

Es sei allen wärmstens ans Herz gelegt, ihn zu lesen, denn er schildert das persönliche Schicksal, welches hinter dem einfachen Wort “Abschiebung” selten zu erkennen ist.

Dokumentation: Offener Brief aus Nigeria an Angela Merkel

mr. zores Samstag, 26. Mai 2007 in G8

Wir dokumentieren hier die deutsche Übersetzung eines offenen Briefes nigerianischer Bürgerrechtsgruppen an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie wenden sich gegen die Einladung an den neuen nigerianischen Präsidenten, am G8-Treffen in Heiligendamm teilzunehmen. Denn der neue Präsident, Umar Yar’Adua, kam durch eine Wahl an die Macht, die von der EU-Beobachtungsdelegation als “unglaubwürdig” bezeichnet wurde.

Angesichts dieser Tatsachen bedeutet die Einladung von Mr. Yar’Adua zu dem G8-Gipfel eine provozierende Billigung dieser unglaublichen Wahl und eine ‘Belohnung’ derjenigen, die den Tod der über zweihundert Nigerianer, die während der Wahlen sterben mussten, zu verantworten haben.